Pfarrkirche

Die Pfarrkirche Klüsserath

Geschichte, Glaube und Baukunst im Wandel der Jahrhunderte

Die Pfarrkirche von Klüsserath ist ein eindrucksvolles Zeugnis der religiösen und kulturellen Entwicklung des Moseltals. Ihre Geschichte reicht weit ins Mittelalter zurück und spiegelt zugleich die Siedlungsgeschichte des Ortes selbst wider.

Frühzeit und erste Pfarrkirche

Eine erste, heute nicht mehr bestehende Kirche wird 1295 urkundlich erwähnt. Ihre Lage am östlichen Ende des Dorfes auf einer Anhöhe über der fränkischen Burgsiedlung sowie ihre Weihe an den heiligen Remigius – einen bedeutenden fränkischen Bischof – deuten jedoch auf eine wesentlich frühere Gründung hin. Möglicherweise entstand sie bereits im 7. oder 8. Jahrhundert.

Hinweise auf noch ältere religiöse Traditionen liefert ein bemerkenswerter Fund: In der Außenmauer dieser Kirche war bis ins 18. Jahrhundert ein Relief der römischen Jagdgöttin Diana eingelassen. Es verweist auf ein mögliches römisches Heiligtum an gleicher Stelle. Das Relief befindet sich heute im Rheinischen Landesmuseum Trier. Später wurde die Darstellung übermalt und als heiliger Hubertus interpretiert – ein eindrucksvolles Beispiel für die Überlagerung heidnischer und christlicher Traditionen.

Neben Remigius wurde später auch der Erzengel Michael als Patron verehrt, was sich im erhaltenen gotischen Chor widerspiegelt.

Die Gründung der heutigen Pfarrkirche

1304 baten die Bürger von Klüsserath den Burgherren Theoderich (Diedrich) von Bruch um die Bereitstellung eines Grundstücks für den Bau einer neuen Kirche mit angrenzendem Friedhof. Dieser stellte am westlichen Ende des Dorfes – nahe dem alten römischen Siedlungskern – ein entsprechendes Gelände zur Verfügung.

Von der dort errichteten mittelalterlichen Kirche ist heute noch der gotische Chor erhalten. Seine Maßwerkfenster und das Rippengewölbe prägen bis heute das Erscheinungsbild. Die Schlusssteine zeigen den Erzengel Michael sowie das Osterlamm als Symbol Christi.

Im späten 18. Jahrhundert wurde das baufällig gewordene Kirchenschiff abgebrochen und durch einen barocken Neubau ersetzt. Der heutige Turm mit seiner geschwungenen Haube stammt ebenfalls aus dieser Zeit. Auffällig ist seine ungewöhnliche Bekrönung: Ein Weinfass trägt das Turmkreuz – ein symbolträchtiger Hinweis auf die enge Verbindung Klüsseraths mit dem Weinbau.

Die feierliche Einweihung des barocken Neubaus erfolgte 1787. Im Jahr 1934 wurde die Kirche durch einen Erweiterungsbau vergrößert, wodurch der gotische Chor stärker in den Innenraum integriert wurde.

Der Hochaltar – ein Meisterwerk der Spätrenaissance

Das bedeutendste Ausstattungsstück der Kirche ist der monumentale Hochaltar aus dem Jahr 1622, einer der größten Spätrenaissance-Altäre im Moselraum. Der aus Kalkstein und Marmor gefertigte Aufbau wird dem Trierer Bildhauer Hans Ruprecht Hoffmann zugeschrieben, der auch bedeutende Werke in Trier schuf.

Im Zentrum steht eine Pietà – Maria mit dem toten Christus auf dem Schoß – flankiert von Maria Magdalena und dem heiligen Hubertus. Über der Szene befinden sich weitere Reliefdarstellungen, die das Heilsgeschehen thematisieren. Der Altar vereint kunstvolle Gestaltung mit theologischer Symbolik und prägt bis heute den Kirchenraum.

Ebenfalls von großer historischer Bedeutung ist die Renaissance-Grabplatte des Klüsserather Burgherren Richard von Hagen aus dem Jahr 1558. Sie zeigt den Verstorbenen in voller Rüstung betend dargestellt – als Ausdruck seines Standes und seiner Hoffnung auf Erlösung. Ursprünglich lag die Grabplatte im Boden vor dem Hochaltar, heute befindet sie sich an der Seitenwand des gotischen Chores.

Religiöses Leben und Bruderschaften

Über Jahrhunderte war die Pfarrkirche Mittelpunkt des religiösen Lebens im Dorf. Mehrere Bruderschaften prägten das kirchliche und gemeinschaftliche Leben, darunter eine 1708 gegründete Rosenkranzbruderschaft, die über eigene Weinberge und Ländereien verfügte. Auch die Marianische Jünglingssodalität spielte eine wichtige Rolle in der religiösen Erziehung der Jugend.

Bedeutung bis heute

Die Pfarrkirche von Klüsserath vereint in einzigartiger Weise verschiedene Epochen: mögliche römische Ursprünge, frühmittelalterliche Missionstradition, gotische Baukunst, barocke Architektur und renaissancezeitliche Ausstattung. Sie ist damit nicht nur ein Ort des Glaubens, sondern auch ein lebendiges Geschichtsbuch des Dorfes.

Quelle: Link, Oskar (1993): Chronik des Winzerortes Klüsserath. Trier: Michael Weyan Verlag.