Rudemsmännchen

Rudemsmännchen

Das Rudemsmännchen

Auf der bewaldeten Höhe von Rudern, zwischen Klüsserath, Thörnich und Bekond, soll seit Jahrhunderten ein unheimliches Wesen umgehen: das Rudemsmännchen. Noch heute erzählt man sich, dass es dort sein Unwesen treibe – als Spukgestalt mit blechernem Hut, begleitet von einem kleinen Hund, bald greifbar, bald körperlos wie ein Schatten.

Die Sage

Vor vielen hundert Jahren, so berichtet die Überlieferung, stritten die Gemeinden Klüsserath und Thörnich erbittert um den Verlauf ihrer Banngrenze auf der Höhe von Rudern. Jede Gemeinde beanspruchte das Weideland für sich. Der Streit wurde vor Gericht ausgetragen, doch keine Seite wollte nachgeben.

Ein Mann einer der Parteien griff schließlich zu einer List. Er füllte etwas Erde aus seiner eigenen Gemarkung in seine Schuhe und verbarg unter seinem Hut einen Schöpflöffel. Dann stellte er sich auf das umstrittene Gebiet und schwor:
„So wahr der Schöpfer über meinem Haupte ist, stehe ich auf meiner Erde.“

Seine Worte waren mehrdeutig – und bewusst täuschend. Denn mit dem „Schöpfer“ meinte er nicht Gott, sondern den unter seinem Hut versteckten Löffel. Mit der Erde in seinen Schuhen wollte er den Eid scheinbar absichern.

Doch wer nicht nur Menschen, sondern auch Gott zu täuschen versucht, bleibt nicht ungestraft – so die Moral der Sage. Der Meineidige wurde dazu verdammt, ohne Erlösung am Ort seiner Tat umherzuirren. Seitdem spukt er als Rudemsmännchen durch die Wälder.

Man erzählt, er stoße Holzfuhrwerke um, führe Wanderer in die Irre und sorge für allerlei Schabernack. Besonders gefährlich sei es, das sogenannte „Irrkraut“ mit den Füßen zu berühren – wer es betrete, werde vom Rudemsmännchen auf verschlungenen Wegen durch Dickicht und Gestrüpp geführt und finde kaum mehr heraus.

So lebt die Gestalt des Rudemsmännchens bis heute als warnendes Beispiel gegen Betrug und Meineid fort.

Der historische Hintergrund

Wie viele Sagen hat auch die Geschichte vom Rudemsmännchen einen realen Kern.

Tatsächlich führten die Gemeinden Klüsserath, Thörnich und Bekond über lange Zeit Streitigkeiten um die Weidegrenzen auf der Höhe von Rudern (auch „Rodem“ genannt). Alte Urkunden belegen, dass der Konflikt bereits im 17. Jahrhundert bestand.

Am 30. Juli 1636 wandte sich die Gemeinde Thörnich an hochrangige kurtrierische Amtsträger – den Geheimen Rat Anethan und den Hofrat Haydrich – mit der Bitte, den umstrittenen Distrikt in Augenschein zu nehmen. Der Grenzverlauf war offenbar unklar und umkämpft.

Im Bekonder Weistum von 1697 werden die Grenzen detailliert beschrieben. Dort ist von markanten Grenzpunkten die Rede: weißen Grenzsteinen, dem „Clüsserather Weg“, einem Markstein „vor Rodem“, Hecken, dem „Bourer Brunnen“ sowie einem weißen Stein in der „Kalbacher Wiese“. Diese Beschreibung zeigt, wie exakt man versuchte, natürliche und gesetzte Grenzmarkierungen festzuhalten.

Auch Zeugenaussagen aus dem Jahr 1717 geben Einblick in den Streit. Mehrere ältere Männer – unter anderem Schneiders Bernd Volman aus Bekond, Johannes Schue aus Thörnich und Theis Rauen aus Ensch – wurden zu ihren Erinnerungen an die Weidegrenzen befragt. Sie berichteten von Grenzbäumen, in die Kreuze eingehauen waren, und davon, bis wohin Schweine gehütet werden durften. Ihre Aussagen zeigen, wie sehr man auf mündliche Überlieferung und persönliche Erinnerung angewiesen war.

Schließlich kam es 1718 zu einem Vergleich. Das Bekonder Gerichtsbuch vermerkt, dass Thörnich und Bekond am 30. August 1718 eine Einigung erzielten. Bereits zuvor hatten sich Klüsserath und Thörnich offenbar geeinigt. Das umstrittene Stück Weideland „Rudern“ sollte fortan der Gemeinde Thörnich gehören.


Die jahrzehntelangen Streitigkeiten um Grenzverläufe, Weiderechte und Besitzansprüche bildeten den Nährboden für die Sage. Aus juristischen Auseinandersetzungen, Zeugenaussagen und Grenzbeschreibungen wurde im Laufe der Zeit eine moralische Erzählung: Ein Mann, der mit einem listigen Eid Recht erzwingen wollte, wird zum ruhelosen Geist. So verbindet die Geschichte vom Rudemsmännchen reale Grenzkonflikte des 17. und frühen 18. Jahrhunderts mit volkstümlicher Fantasie. Die Sage bewahrt damit nicht nur eine warnende Botschaft vor Meineid und Betrug, sondern auch die Erinnerung an einen handfesten historischen Konflikt zwischen Moselgemeinden. Heute erinnert die Sandsteinstaue an der Salmbrücke an die Geschichte sowie eine Tafel auf dem Sagenweg Klüsserath.


Quelle: Link, Oskar (1993): Chronik des Winzerortes Klüsserath. Trier: Michael Weyan Verlag.